Die Geschichte der ersten Carillons von Berlin und Potsdam

1701 beauftragte der erste Preußen König Friedrich I. seinen Hofgießer Johannes Jacobi mit dem Guß von 37 Glocken für ein Carillon. Der Architekt und Schloßbaudirektor Andreas Schlüter sollte den baufälligen Münzturm des Berliner Stadtschloßes zu einem 98 Meter hohen Carillonturm umbauen. Der Turmbau scheiterte jedoch, und 1713 schenkte der neue König, Friedrich Wilhelm I., das Carillon der Parochialkirche. Das Instrument erwies sich als unzureichend und wurde 1717 durch ein neues von dem Amsterdamer Gießer Jan Albert de Grave ersetzt. 1721 bestellte König Friedrich Wilhelm I. ein automatisches Glockenspiel mit 35 Glocken von de Grave für die neue Hof- und Garnisonkirche in Potsdam, das 1735 zu einem Carillon umgebaut und um fünf große Baßglocken erweitert wurde. Ab 1797 erklangen das Lied "Üb' immer Treu' und Redlichkeit" und der Choral"Lobe den Herren" auf dem automatischen Spiel als klingendes Wahrzeichen von Potsdam.

Parochialkirche75.JPG

Die Berliner Parochialkirche
Garnisonkirche.JPG

Die Potsdamer Garnisonkirche

Die Carillons von Berlin und Potsdam wurden während der folgenden Jahrhunderte regelmäßig gespielt, vor und nach den Gottesdiensten, an den Geburtstagen der Mitglieder des königlich-kaiserlichen Herrscherhauses und bei besonderen Anläßen wie dem Besuch des russischen Zaren Alexander. In den Zwanziger und Dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts waren die Berliner und Potsdamer Carilloneure besonders aktiv. Die Berliner Hans Siepert, Reinhold Graßnick und Wilhelm Bender spielten zusätzliche Konzerte Mittwochs, Abends beim beleuchteten Turm und zu den Olympischen Spielen 1936 und konzertierten mit Blechbläsern. Der Potsdamer Carillonneur Otto Becker spielte jeden Donnerstag für die Touristen und machte einige Schallplattenaufnahmen.


RichardThiele.jpg

Richard Thiele, Carillonneur der Berliner Parochialkirche 1890 - 1902
19Thiele.JPG

Eugen
Thiele, Carillonneur der Berliner Parochialkirche 1903 - 1917
           
Den Carillonkonzerten in Berlin und Potsdam setzte der Zweite Weltkrieg vorerst ein Ende. Im Mai 1944 wurde die Parochialkirche von Brandbomben getroffen und nur zwei Glocken blieben übrig. Die Potsdamer Garnisonkirche und ihr Carillon wurden in den letzten Wochen des Krieges vernichtet und die Ruine des Turms Ende 1968 abgeräumt. Der Turm der Berliner Parochialkirche soll in den kommenden Jahren wieder aufgebaut und mit einem neuen Carillon ausgestattet werden, damit die einst berühmte "Singuhr" an ihrem Platz in der Berliner Innenstadt wieder zu hören sein wird. Die Potsdamer Garnisonkirche wird ebenfalls in naher Zukunft wieder errichtet und ebenfalls ein neues Carillon erhalten.