Carillonkonzert mit Elektronik

5. August 2007 um 15 Uhr
Jeffrey Bossin,
Carillonneur, Berlin

Tontechnik, Klangregie und Aufbau:
Eckehard Güther, Daniel Teige und Wilm Thoben
Elektronisches Studio der Technischen Universität Berlin


Programm

I.
Curved Ringing (2007; Carillon und Elektronik) Uraufführung     Franz Martin Olbrisch


II.

Bellscape (2004; Elektronik)     Mario Verandi


III.

Vox veterrima (1988; Carillon und Elektronik)     Ricardo Mandolini

Veranstaltet von CarillonConcertsBerlin in Zusammenarbeit mit dem elektronischen Studio der Technischen Universität Berlin
und mit freundlicher Unterstützung der KBB GmbH und der Initiative Neue Musik Berlin e.V.


Franz Martin Olbrisch, geb. 1952 in Mülheim/Ruhr, erhielt sein Diplom im Hauptfach Komposition an der Hochschule der Künste Berlin 1985. Er erhielt zahlreiche Kompositionspreise und Stipendien, darunter das der Villa Serpentara in Olevano 1985, des ZKM in Karlsruhe 1992/93, der Heinrich-Strobel-Stiftung in Freiburg 1998, der Paul Sacher Stiftung in Basel 2001, der Villa Aurora in Los Angeles 2003 und das der Cité internationales des Arts in Paris 2006. Seit 1988 hat er einen Lehrauftrag für Komposition und Studiotechnik an der Universität der Künste Berlin und seit 1999 einen für Komposition am Elektronischen Studio an der Technischen Universität Berlin. 1994, 2004 und 2006 war er Dozent bei den Internationalen Darmstädter Ferienkursen für Neue Musik. Seit 2008 leitet er als Professor für Komposition das Studio für Elektronische Musik der Hochschule für Musik Carl Maria von Weber in Dresden. Werke Olbrischs wurden aufgeführt u. a. bei den World Music Days in Yokohama und Stuttgart, den Donaueschinger Musiktagen, den Wittener Tagen für neue Kammermusik, dem Festival international des Musiques experimentales in Bourges, der International Computer Music Conference (ICMC) und den VIPER-Festival in Basel. Zu den Interpreten seiner Werke zählen Ensemble wie das Radio-Sinfonieorchester des SWR, das HR-Sinfonieorchester, das Arditti String Quartet und das Ensemble Recherche.


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Daniel Teige am Computer
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Eckehard Güther
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Franz Martin Olbrisch und Jeffrey Bossin
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Auszug aus Curved Ringing

                               Klicken Sie hier, um einen Auszug aus
Curved Ringing anzuhören, gespielt von Jeffrey Bossin auf dem Carillon in Berlin-Tiergarten

 

Curved Ringing (Gebogenes Läuten) ist ein zweiteiliges Stück mit dreizehn Seiten. Der Titel bezieht sich auf die englische Kunst des Glockenläutens mit dem Namen change ringing. In dieser Komposition gibt es ein einfaches Model des change ringing mit 11 Glocken. Die Permutationen verlaufen nach den Regeln des change ringing, also ohne Wiederholung und jede Glocke wandert immer nur um maximal einen Platz. Dazu kommt dann der curved-Anteil. Das Register und die Auswahl der 11 einzelnen Glocken werden ständig "verbogen". In sinusartigen Wellen bewegen sich die Permutationen über das Register des Carillon. Daher sieht das Ergebnis dem change ringing so gar nicht ähnlich. Um das Ganze spielbar zu machen, wechselt sich das Carillon mit dem Tonband bei den einzelnen Glocken ab. Im zweiten Teil geschieht das gleiche, nur dass die Anschläge zu Akkorden zusammengefasst wurden. Das Stück beginnt mit kurzen Sechzehntelnotenfiguren, die allmählich von der viergestrichenen zur großen Oktave herabsteigen und durch das Klangvolumen der immer größer werdenden Glocken an Stärke und Kraft gewinnen. Gleichzeitig erweitert sich der Tonumfang der Motive, der anfänglich aus kleineren Intervallen besteht, bis er bald manchmal bis zu zweieinhalb Oktaven beträgt. Danach verkleinern sich die Figuren allmählich, bis sie nur noch in der eingestrichenen Oktave erscheinen und zum Schluß aus einem einzigen rasch wiederholten Ton bestehen. Im Laufe des folgenden Accelerando steigen die Motive hinauf in die zweigestrichene Oktave und erweitern sich bis sie manchmal eine Oktave umfassen, schränken sich jedoch abermals zunehmends wieder ein, bis der Abschnitt mit einem rasch wiederholten e2 schließt. Der zweite Teil von Curved Ringing hat ein langsames Tempo und besteht aus einer Reihe von Viertelnotenakkorden. Jede Reihe beginnt stets mit einer kleinen Sekunde und fügt nach und nach darunterliegenden Noten hinzu, bis sie am Ende komplexe chromatische Zusammenklänge von bis zu zweieinhalb Oktaven bildet. Jede neue Reihe setzt mit einem höheren Ton ein, bis sie d3 erreichen. Dabei werden die Reihen immer kürzer und deren Tonumfang wird immer kleiner, bis das Werk mit einer einzigen kleinen Sekunde schließt. Die Elektronik von Curved Ringing besteht aus elektronisch verarbeiteten Glockenklängen, die die Töne des Carillons ergänzen und die Permutationen dessen change ringing-Sequenzen vervollständigen. Da der Carillonneur das Werk mit Hilfe eines Klicktracks, der das jeweilige Tempo angibt, spielen kann, ist es – anders wie bei Vox veterrima - nicht notwendig für ihn, die Elektronik während der Aufführung mitzuhören und darauf zu reagieren. Wie Ricardo Mandolinis Vox veterrima und Lucia Ronchettis Come un acciar che non ha macchia alcuna – Studio sulla luna da Ludovico Ariosto gehört Olbrischs Curved Ringing zu den Stücken, die eine große spieltechnische Herausforderung darstellen.